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Selbstmörder

Geschrieben von Wolfgang B , 04 November 2011 · 976 Aufrufe

Jetzt ist sie wieder da, die dunkle Zeit. In der Früh beim Aufstehen ist es dunkel, am Abend beim Heimkommen ist es dunkel, dazwischen der graue Nebel, also auch dunkel. Tagelang schon keine Sonne gesehen.

Und dann gibt es Menschen, die haben Probleme. In der Arbeit, in der Familie, eigene Krankheit, ...

So mancher fasst dann den Entschluss, seinem Leben ein Ende zu setzen, weil ...
Für ihn sind dann die Probleme gelöst, er hat sie nicht mehr. Kann sie nicht mehr haben.

Aber: Es gibt Familienangehörige, Freunde, Kollegen. Für die fangen dann die Probleme an, wenn ein Mensch aus ihrem Umfeld plötzlich nicht mehr da ist. Daran denkt der Mensch natürlich nicht, da er ja nur seine eigenen, mehr oder weniger großen Probleme kennt.

Solange der Mensch den Freitod unter Zuhilfenahme einer Pistole, eines Messers, eines Strickes oder von Tabletten wählt, bleibt das Umfeld, das davon betroffen ist klein. Tragisch genug, aber klein.


Nun ein Vorfall, wie er in Österreich gar nicht so selten vorkommt. Der totgeschwiegen wird, weil man keine Nachahmer provozieren will. Der aber dennoch aufgezeigt werden sollte, um vielleicht dem einen oder anderen Menschen mit Problemen die Augen zu öffnen.

Der Mensch mit seinem Problem wirft sich vor einen Zug! Wenn man sich nicht gerade ungeschickt anstellt, ein wirksamer Problemlöser.

Nun bleibt aber das Problem nicht in seinem Umfeld. Er zieht andere, Unschuldige, Unbekannte in den Vorfall mit hinein.

Den Lokführer: Er ist der am meisten Betroffene.
Er sieht den Menschen vielleicht im letzten Augenblick, wenn er vor dem Zug ins Gleis tritt.
Schnellbremsung!
Gleichzeitig weiß er, dass das Unvermeidliche passieren wird. Ein Zug braucht mehrere 100 Meter bis er steht.
Der dumpfe Schlag.
Aus!
Dann muss er noch die Informationsmaschinerie in Gang setzten. Nachsehen, ob er vielleicht doch noch helfen kann. Meist wird er nur noch die weitverstreuten Leichenteile sehen.
Hat das der Mensch im Vorfeld bedacht?

Die Fahrgäste im Zug:
Sie spüren die Schnellbremsung. Was ist da schon wieder passiert?
Aufkommende Ungeduld.
Die Durchsage, dass die Fahrt nicht fortgesetzt werden kann.
Der Grund wird meist nicht genannt. Verständlich. Darüber spricht man nicht.
Es kann Stunden (!) dauern, bis es wieder weitergeht.
Menschen, auf dem Weg zur Arbeit oder zu einem wichtigen Termin, der nun versäumt wird.
Menschen, auf dem Weg nach Hause, die sich schon auf ihre Lieben freuen.
Menschen, die Freunde besuchen wollen.
Menschen aller Generationen. Vom Kleinkind bis zum Greis.
Sie alle sind nun Gefangene. Können nicht raus, weil der Zug nicht in einer Haltestelle steht.
Hat das der Mensch im Vorfeld bedacht?

Die Fahrgäste in den anderen Zügen:
Da die Gleise nun während des Einsatzes von Polizei und Rettung gesperrt werden müssen, können sie auch nicht weiter. Werden nun in irgendeinem Bahnhof aus dem Zug geworfen, weil die Garnitur nun für einen anderen Zug verwendet werden muss.
Schienenersatzverkehr. Warten auf den Autobus. Der natürlich nicht gleich vor dem Bahnhof steht. Es muss erst ein Bus aufgetrieben werden. Und ein Fahrer dazu. Und erst zu diesem Bahnhof hinfahren.
Das erzeugt bei den Wartenden Unmut. Sie schimpfen auf die Bahn. Die eigentlich gar nichts dafür kann.
Auch sie versäumen den rechtzeitigen Arbeitsantritt, den Termin, die Heimkehr oder den Besuch der Lieben.
Hat das der Mensch im Vorfeld bedacht?

Die Einsatzkräfte:
Es ist tragisch genug, wenn der Notarzt, der Rettungsfahrer, der Polizist an einen Ort gerufen wird, wo ein Mensch den Freitod gewählt hat. Aber der Mensch, der von einem schnell fahrenden Zug getroffen wird, liegt möglicherweise über hundert Meter verstreut in kleinen Stücken in der Gegend. Die natürlich, so hart es klingt, alle eingesammelt werden müssen. Erst dann kann der Einsatz beendet werden. Ein möglicherweise langer Einsatz. Der an den Magen geht.
Hat das der Mensch im Vorfeld bedacht?

Die Angehörigen zu Hause:
Ein Mensch, der freiwillig aus dem Leben scheidet, ist für die Angehörigen eine enorme Belastung. Neben der plötzlichen seelischen Belastung muss das Begräbnis organisiert werden. Eine ungeplante finanzielle Belastung. Und der Alltag soll auch noch weitergehen.
Wenn man glaubt, alles hinter sich zu haben (geht das überhaupt?), kommt plötzlich eine Vorschreibung der Bahn. Ein stolzer Betrag, der in die Tausende gehen kann. Jede Minute Verspätung, die angefallen ist, wird genau vorgerechnet, die Zugausfälle, der Schienenersatzverkehr. Neben jeder Zeile steht ein Geldbetrag, der am Schluss zusammengezählt wird und zur Bezahlung vorgeschrieben wird. Den Angehörigen.
Hat das der Mensch im Vorfeld bedacht?


Warum ich mir diese Gedanken mache?
Nun - gestern Abend, es ist fast 24 Stunden her, war ich selbst ein Betroffener. Nicht als Lokführer, nicht als Einsatzkraft, ich saß auch nicht im Zug, der den Menschen in Stücke gerissen hat.
Ich wollte nur in die Arbeit fahren. Und musste unterwegs in einem Bahnhof aussteigen. Die Ansage im Lautsprecher vermeldete einen Polizeieinsatz und dass ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wird. Zum Glück konnte ich eine zeitnahe Alternative in Anspruch nehmen und erreichte gerade noch zeitgerecht meinen Arbeitsplatz. Aber da waren noch 70 - 80 andere Personen da, die nun ratlos am Bahnsteig standen und nicht wussten, was sie tun sollen.

Und das alles wegen eines Menschen, der mit seinen Problemen nicht mehr fertig geworden ist und die - zwar "todsichere" - aber denkbar ungünstigste Lösungsmöglichkeit gewählt hat.
Er hat das im Vorfeld sicher nicht bedacht!
Hoffentlich bedenkt das der nächste Mensch, der Probleme hat. Und sucht vielleicht eine andere Möglichkeit, damit fertig zu werden. Mein Vorschlag: Ein Gespräch. Es wird sich sicher jemand finden, der dem Menschen mit Problemen zuhören kann.




Hallo Wolfgang,

du hast diese Zeilen sehr treffend geschrieben!

Ich saß in diesem Zug vor dem sich der Selbstmörder geworfen hat und war 2 Stunden
darin "gefangen". Zum Glück waren waren wir in unserem Abteil einige Leute, die miteinander
redeten, Informationen austauschten etc.

OEBB-Bedienstete erkundigten sich nach unserem Befinden und teilen uns auch einige
Informationen mit, was wir uns alle eh gedacht haben.

Ich konnte nachfühlen wie es dem Lokführer gehen musste, der keine Chance zum Reagieren hatte und
der sicher einige Zeit braucht, um diese Situation zu verarbeiten.

Gerade in unserer Zeit nimmt sich kaum wer Zeit für Gespräche. Wenn man aber sein Leid klagt, ist man bald
irgendwo am Abstellgleis.

lg
Magda
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Da Dirnbocher
Nov 09 2011 04:03
Vor ein paar Tagen schreibt mir einer meiner Spieler per SMS, dass er nicht aufs Training kommen könne, weil ihn niemand zum Training bringen kann. Ich biete ihm an, dass ich - am Weg von Wien nach Hause bzw. zum Sportplatz - ihn mitnehmen könne, was er gerne annimmt.

Nach dem Training, sein Vater war mittlerweile zu Hause und konnte ihn holen, erzählte mir sein Vater (selbst ÖBB-Bediensteter) von einem Vorfall und dass er - als Passagier - deswegen längere Zeit im Zug verbringen musste. Er deutete (wofür ich dankbar war) nur an, was die in Dienst befindlichen Mitarbeiter in diesen Minuten und Stunden erleben durften. Das war auch die Ursache, warum letztlich ich (und nicht er) seinen Sohn zum Training mitnahm. Insofern war ich über zig-Ecken auch ein Betroffener - ohne es zu dem Zeitpunkt zu wissen.

Und logischerweise liegt eine Vermutung auf der Hand. Nämlich die, die Du lieber Wolfgang als Anlass genommen hast, diesen Artikel zu schreiben. Keine Ahnung, was der Grund war, ich war nicht dabei und habe danach - wie in solchen - vermuteten - Fällen aus guten Gründen üblich ist - auch keine Medienberichte darüber gefunden (aber ehrlicherweise auch nicht gesucht).

Nur, an diesem Tag, nach diesem Training, erzählte besagter Vater noch etwas. Es soll einen Verkehrsunfall gegeben haben, und aus dem (einem der?) beteiligten Auto(s) soll jemand ausgestiegen sein und im Schock auf die Schienen getaumelt sein.

Was ich damit sagen will (unabhängig von dem, was da tatsächlich die Ursache für den Vorfall war): Nicht immer ist es auch so, wie es den Anschein hat, da sollte man mit Urteilen schon vorsichtig sein.

Und ganz generell: Ich weiss ja nicht, was wirklich Deine Intention war, das zu schreiben. Ich kann nur Worte, Sätze und Argumente lesen - nicht Deine Gedanken. Und ich kann Dir Feedback geben, wie das Geschriebene bei jemand anderem - mir nämlich - ankommt. Was bei mir ankommt ist:

Lieber Mensch, der Du aus dem Leben scheiden willst, nimm Dir eine Pistole, Messer, Strick oder Tabletten um Deinem Leben ein Ende zu bereiten. Dass Deine Familie, Dein Umfeld, Einsatzkräfte von Deiner Entscheidung betroffen sind, ist nicht zu ändern, aber wenigstens kommen dann nicht wegen Dir Menschen zu spät in die Arbeit/nach Hause.


Sprachlos.
@Da Dirnbocher: also ich habe den Blog von Wolfgang nicht so gedeutet wie Du, im
Gegenteil, für mich haben sich neue Erkentnisse aufgetan. Wenn man zwei Stunden im Zug sitzt,
fragt man sich schon mal, was da draussen eigentlich vor sich geht.
Manchmal bekamen wir ein wenig Auskunft von den Oebblern, die gerade draussen vorbeikamen,
dadurch wurde uns auch bewußt, was diese Leute da mitmachen. Wolfgang hat dieses ja in seinem Blog
schon erwähnt.