Peter Wrba
03.09.2008, 22:45
Ein "Klassiker":
Stuttgart - Der Umwelt haben die Umweltzonen bisher nicht viel gebracht. Dafür erblüht die Bürokratie. Ein besonders krasses Beispiel erregt derzeit die Gemüter: Besitzer von alten Wohnmobilen müssen einen Umweg über Bayern wählen, um die Nachrüstung im Land anerkannt zu bekommen.
Von Andreas Müller / Stuttgarter Zeitung
Die Einführung der Umweltzonen war für Wolfgang Widmann ein schwerer Schlag: Sein betagtes Wohnmobil (Baujahr 1991) wurde von einem Tag auf den anderen fast zur Immobilie. Für das Dieselgefährt, erfuhr der Rentner aus Waiblingen, bekomme er keine Feinstaubplakette, und die Nachrüstung gelte als kaum möglich. Die Folgen für Widmann: die Region Stuttgart mit ihren vielen Fahrverboten würde er nur noch auf grotesken Umwegen verlassen können, bei seinen regelmäßigen Touren nach Heidelberg müsste er den Wagen irgendwo am Stadtrand stehen lassen.
http://m.de.2mdn.net/viewad/817-grey.gif (http://ad.de.doubleclick.net/click;h=v8/3730/0/0/*/r;44306;0-0;0;7192955;3653-400/140;0/0/0;;~aopt=2/2/2b2a/2;~sscs=?) http://ad.de.doubleclick.net/ad/oms.stuttgarter-zeitung.de/localnews;oms=localnews;nielsen=3b;sz=400x140;ord= 786921260613? (http://ad.de.doubleclick.net/jump/oms.stuttgarter-zeitung.de/localnews;oms=localnews;nielsen=3b;sz=400x140;ord= 786921260613?)
Firma in Bayern ist auf Nachrüstungen spezialisiert
Kurzzeitig überlegte der 68-Jährige, ob er sich ein neues Wohnmobil kaufen solle. Aber die Auskunft des Händlers ernüchterte ihn rasch: Durch die fehlende Plakette sei der Wert des alten um etliche Tausend Euro gesunken. Nach mühsamer Suche fand sich schließlich doch eine Lösung. Widmann stieß auf eine Firma in Bayern, die SK Handels AG in Aicha vorm Wald bei Passau, die sich auf die Nachrüstung von angejahrten Kleinbussen, Lieferwagen und eben Wohnmobilen spezialisiert hat.
Mit einem sogenannten Oxidationskatalysator, Kosten samt Einbau ungefähr 1000 Euro, sollten sie die Abgasstufe Euro 3 erreichen - und damit weiterhin uneingeschränkt unterwegs sein können. Bestätigt wurde die Wirksamkeit der Technik durch ein Gutachten des Tüv Austria.
"Freudestrahlend" erschien Widmann nach dem Einbau in der Waiblinger Zulassungsstelle, um die Fahrzeugpapiere ändern zu lassen. Aber dort erwartete ihn der nächste schwere Schlag. Der Oxikat könne nicht eingetragen werden, verkündeten die Beamten barsch, so habe es das Innenministerium in Stuttgart angeordnet. Die Begründung: es gebe erhebliche Zweifel, ob die Umrüstung überhaupt wirksam sei. Der Wohnmobilist war fassungslos. Da investiere er eine stattliche Summe zum Wohl der Umwelt, und dann werde er behandelt "wie ein kleiner Gangster".
Viele Betroffene im Südwesten
Wie Widmann ging es vielen Leidensgenossen im Südwesten. Kein anderes Land hat so viele Umweltzonen ausgewiesen wie Baden-Württemberg. Dass schwer nachrüstbare alte Wohnmobile - bundesweit sind angeblich 200.000 betroffen -, Kleinbusse, Gelände- und Lieferwagen damit zum Stillstand verdammt würden, fiel eher beiläufig auf.
Entsprechend groß ist das Interesse ihrer Besitzer an der Oxikat-Technik. Die Hälfte aller Anfragen kämen aus dem Nachbarland, berichtet SK-Geschäftsführer Georg Kölbl - und das, obwohl er dort keine Werbung mache. Doch mit den Kunden aus Baden-Württemberg hat Kölbl reichlich Ärger. Immer wieder melden sich erboste Fahrer, bei denen die Nachrüstung trotz Tüv-Expertise nicht anerkannt wurde. Einzelne drohten ihm sogar schon mit Betrugsanzeigen.
Der Ärger begann im Sommer vorigen Jahres. Da warnten das Bundesverkehrsministerium und der Freistaat Bayern erstmals vor den Nachrüstkatalysatoren aus Aicha vorm Wald. Auch das Stuttgarter Verkehrsministerium informierte umgehend die zuständigen Behörden. Nachmessungen hätten ergeben, dass der Umbau die Fahrzeuge keineswegs so sauber mache wie behauptet. Es kämen zwar weniger Stickoxide aus dem Auspuff, aber die Partikelemission nehme stark zu. Dass so die Abgasstufe Euro 3 erreicht werde, befanden die Experten von Ressortchef Heribert Rech (CDU), sei "technisch nicht erklärbar".
Bemerkenswerte Auskunft aus dem Ministerium
Wie aber kam der Oxikat zum Freibrief des Tüv Austria, der beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg für solche "Teilegutachten" ausdrücklich akkreditiert ist? Und weshalb konnte es bei Nachmessungen in Bayern, das seine restriktive Linie inzwischen gelockert hat, zu positiven Ergebnissen kommen?
Auf beide Fragen geben Rechs Fachleute intern bemerkenswerte Antworten. Zum einen sei der Tüv Austria bekannt für fehlerhafte Gutachten, auch aus Gefälligkeit gegenüber seinen deutschen Kunden. Leider habe man ihm bisher nicht die Lizenz in Flensburg entziehen können. Zum anderen gebe es starke Verdachtsmomente, dass Kölbl deutsche Stellen "mit einem manipulierten Fahrzeug" getäuscht habe. Nur durch zusätzliche Einbauten seien die "zunächst unplausiblen Messwerte erklärbar".
Der Tüv Austria in Wien weist solche Vorwürfe empört zurück. Dahinter steckten deutsche Prüforganisationen, denen die Konkurrenz aus Österreich schon lange missfalle, vermutet Walter Bussek, der Geschäftsführer der für Autos zuständigen Tüv-Tochter. "Man will uns mit allen Mitteln aus dem deutschen Markt drängen", klagt Bussek, "hier geht es ausnahmslos ums Geschäft."
Als "Schikane" empfindet es der Tüv-Manager, dass sein Unternehmen immer wieder von deutschen Abgesandten geprüft werde - viel öfter als üblich. Alle "Audits" habe man freilich bestanden, und die Messwerte beim Oxikat hätten sich andernorts ebenfalls bestätigt. Inzwischen haben die Wiener laut Bussek eine Anwaltskanzlei eingeschaltet.
Erfolg in Bayern, Ärger in Baden-Württemberg
Auch Georg Kölbl sieht sich als Opfer dunkler Machenschaften. Manipulationen, Betrug? Alles falsch, das seien Verleumdungen, gegen die er sich gerichtlich wehren werde. "Auf dem Rücken eines mittelständischen Unternehmens", befanden von ihm alarmierte CSU-Abgeordnete, werde ein böses "Machtspiel" zwischen den Tüvs ausgetragen. In Bayern hat Kölbl inzwischen erreicht, dass seine Kats in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden.
Aber den härtesten Kampf liefert er sich weiterhin mit Baden-Württemberg. Der zuständige Beamte im Verkehrsministerium sei "so was von verbohrt", klagt er, gemeinsam mit einem Kollegen im Bund betätige er sich als Scharfmacher. Über seinen Anwalt lässt der Unternehmer nun Klagen auf Schadenersatz prüfen. Zugleich wandte er sich schriftlich an Günther Oettinger (CDU). Der Ministerpräsident möge doch bitte im Sinne der Firma und seiner Bürger eingreifen, die nicht schlechter behandelt werden dürften als die Bayern.
Sogar die Staatsanwaltschaft soll eingeschaltet werden
Doch im Hause Rech zeichnet sich bisher kein Sinneswandel ab. Im Gegenteil, das Innenministerium will nun sogar die Staatsanwaltschaft einschalten ( Kat-Nachrüstung: Ministerium schaltet Staatsanwälte ein http://www.stuttgarter-zeitung.de/img/3.gif (http://stuttgarter-zeitung.de/page/detail.php/1805022) ). Als Antwort an den Brief an Oettinger bekam Kölbl lediglich das Angebot, seine Testfahrzeuge bei der Abgasprüfstelle des Tüv Süd in Böblingen vorzustellen. Dort könne man, unter neutraler Aufsicht, noch einmal gemeinsam nachmessen.
Der Rentner Widmann hat sein Problem, wie viele andere Betroffene auch, inzwischen mit einem Trick gelöst. Er ließ das Wohnmobil, samt eingetragenem Oxikat, von Kölbl in Passau zulassen. In Waiblingen meldete er das Fahrzeug später wieder um - und bekam, wenn auch zähnekirschend, schließlich doch die begehrte gelbe Plakette für die Umweltzonen. Für die Bürokraten bei Regierungen und Tüvs hat er seither nur noch Kopfschütteln übrig: "So ein Theater - unglaublich!"
Stuttgart - Der Umwelt haben die Umweltzonen bisher nicht viel gebracht. Dafür erblüht die Bürokratie. Ein besonders krasses Beispiel erregt derzeit die Gemüter: Besitzer von alten Wohnmobilen müssen einen Umweg über Bayern wählen, um die Nachrüstung im Land anerkannt zu bekommen.
Von Andreas Müller / Stuttgarter Zeitung
Die Einführung der Umweltzonen war für Wolfgang Widmann ein schwerer Schlag: Sein betagtes Wohnmobil (Baujahr 1991) wurde von einem Tag auf den anderen fast zur Immobilie. Für das Dieselgefährt, erfuhr der Rentner aus Waiblingen, bekomme er keine Feinstaubplakette, und die Nachrüstung gelte als kaum möglich. Die Folgen für Widmann: die Region Stuttgart mit ihren vielen Fahrverboten würde er nur noch auf grotesken Umwegen verlassen können, bei seinen regelmäßigen Touren nach Heidelberg müsste er den Wagen irgendwo am Stadtrand stehen lassen.
http://m.de.2mdn.net/viewad/817-grey.gif (http://ad.de.doubleclick.net/click;h=v8/3730/0/0/*/r;44306;0-0;0;7192955;3653-400/140;0/0/0;;~aopt=2/2/2b2a/2;~sscs=?) http://ad.de.doubleclick.net/ad/oms.stuttgarter-zeitung.de/localnews;oms=localnews;nielsen=3b;sz=400x140;ord= 786921260613? (http://ad.de.doubleclick.net/jump/oms.stuttgarter-zeitung.de/localnews;oms=localnews;nielsen=3b;sz=400x140;ord= 786921260613?)
Firma in Bayern ist auf Nachrüstungen spezialisiert
Kurzzeitig überlegte der 68-Jährige, ob er sich ein neues Wohnmobil kaufen solle. Aber die Auskunft des Händlers ernüchterte ihn rasch: Durch die fehlende Plakette sei der Wert des alten um etliche Tausend Euro gesunken. Nach mühsamer Suche fand sich schließlich doch eine Lösung. Widmann stieß auf eine Firma in Bayern, die SK Handels AG in Aicha vorm Wald bei Passau, die sich auf die Nachrüstung von angejahrten Kleinbussen, Lieferwagen und eben Wohnmobilen spezialisiert hat.
Mit einem sogenannten Oxidationskatalysator, Kosten samt Einbau ungefähr 1000 Euro, sollten sie die Abgasstufe Euro 3 erreichen - und damit weiterhin uneingeschränkt unterwegs sein können. Bestätigt wurde die Wirksamkeit der Technik durch ein Gutachten des Tüv Austria.
"Freudestrahlend" erschien Widmann nach dem Einbau in der Waiblinger Zulassungsstelle, um die Fahrzeugpapiere ändern zu lassen. Aber dort erwartete ihn der nächste schwere Schlag. Der Oxikat könne nicht eingetragen werden, verkündeten die Beamten barsch, so habe es das Innenministerium in Stuttgart angeordnet. Die Begründung: es gebe erhebliche Zweifel, ob die Umrüstung überhaupt wirksam sei. Der Wohnmobilist war fassungslos. Da investiere er eine stattliche Summe zum Wohl der Umwelt, und dann werde er behandelt "wie ein kleiner Gangster".
Viele Betroffene im Südwesten
Wie Widmann ging es vielen Leidensgenossen im Südwesten. Kein anderes Land hat so viele Umweltzonen ausgewiesen wie Baden-Württemberg. Dass schwer nachrüstbare alte Wohnmobile - bundesweit sind angeblich 200.000 betroffen -, Kleinbusse, Gelände- und Lieferwagen damit zum Stillstand verdammt würden, fiel eher beiläufig auf.
Entsprechend groß ist das Interesse ihrer Besitzer an der Oxikat-Technik. Die Hälfte aller Anfragen kämen aus dem Nachbarland, berichtet SK-Geschäftsführer Georg Kölbl - und das, obwohl er dort keine Werbung mache. Doch mit den Kunden aus Baden-Württemberg hat Kölbl reichlich Ärger. Immer wieder melden sich erboste Fahrer, bei denen die Nachrüstung trotz Tüv-Expertise nicht anerkannt wurde. Einzelne drohten ihm sogar schon mit Betrugsanzeigen.
Der Ärger begann im Sommer vorigen Jahres. Da warnten das Bundesverkehrsministerium und der Freistaat Bayern erstmals vor den Nachrüstkatalysatoren aus Aicha vorm Wald. Auch das Stuttgarter Verkehrsministerium informierte umgehend die zuständigen Behörden. Nachmessungen hätten ergeben, dass der Umbau die Fahrzeuge keineswegs so sauber mache wie behauptet. Es kämen zwar weniger Stickoxide aus dem Auspuff, aber die Partikelemission nehme stark zu. Dass so die Abgasstufe Euro 3 erreicht werde, befanden die Experten von Ressortchef Heribert Rech (CDU), sei "technisch nicht erklärbar".
Bemerkenswerte Auskunft aus dem Ministerium
Wie aber kam der Oxikat zum Freibrief des Tüv Austria, der beim Kraftfahrtbundesamt in Flensburg für solche "Teilegutachten" ausdrücklich akkreditiert ist? Und weshalb konnte es bei Nachmessungen in Bayern, das seine restriktive Linie inzwischen gelockert hat, zu positiven Ergebnissen kommen?
Auf beide Fragen geben Rechs Fachleute intern bemerkenswerte Antworten. Zum einen sei der Tüv Austria bekannt für fehlerhafte Gutachten, auch aus Gefälligkeit gegenüber seinen deutschen Kunden. Leider habe man ihm bisher nicht die Lizenz in Flensburg entziehen können. Zum anderen gebe es starke Verdachtsmomente, dass Kölbl deutsche Stellen "mit einem manipulierten Fahrzeug" getäuscht habe. Nur durch zusätzliche Einbauten seien die "zunächst unplausiblen Messwerte erklärbar".
Der Tüv Austria in Wien weist solche Vorwürfe empört zurück. Dahinter steckten deutsche Prüforganisationen, denen die Konkurrenz aus Österreich schon lange missfalle, vermutet Walter Bussek, der Geschäftsführer der für Autos zuständigen Tüv-Tochter. "Man will uns mit allen Mitteln aus dem deutschen Markt drängen", klagt Bussek, "hier geht es ausnahmslos ums Geschäft."
Als "Schikane" empfindet es der Tüv-Manager, dass sein Unternehmen immer wieder von deutschen Abgesandten geprüft werde - viel öfter als üblich. Alle "Audits" habe man freilich bestanden, und die Messwerte beim Oxikat hätten sich andernorts ebenfalls bestätigt. Inzwischen haben die Wiener laut Bussek eine Anwaltskanzlei eingeschaltet.
Erfolg in Bayern, Ärger in Baden-Württemberg
Auch Georg Kölbl sieht sich als Opfer dunkler Machenschaften. Manipulationen, Betrug? Alles falsch, das seien Verleumdungen, gegen die er sich gerichtlich wehren werde. "Auf dem Rücken eines mittelständischen Unternehmens", befanden von ihm alarmierte CSU-Abgeordnete, werde ein böses "Machtspiel" zwischen den Tüvs ausgetragen. In Bayern hat Kölbl inzwischen erreicht, dass seine Kats in die Fahrzeugpapiere eingetragen werden.
Aber den härtesten Kampf liefert er sich weiterhin mit Baden-Württemberg. Der zuständige Beamte im Verkehrsministerium sei "so was von verbohrt", klagt er, gemeinsam mit einem Kollegen im Bund betätige er sich als Scharfmacher. Über seinen Anwalt lässt der Unternehmer nun Klagen auf Schadenersatz prüfen. Zugleich wandte er sich schriftlich an Günther Oettinger (CDU). Der Ministerpräsident möge doch bitte im Sinne der Firma und seiner Bürger eingreifen, die nicht schlechter behandelt werden dürften als die Bayern.
Sogar die Staatsanwaltschaft soll eingeschaltet werden
Doch im Hause Rech zeichnet sich bisher kein Sinneswandel ab. Im Gegenteil, das Innenministerium will nun sogar die Staatsanwaltschaft einschalten ( Kat-Nachrüstung: Ministerium schaltet Staatsanwälte ein http://www.stuttgarter-zeitung.de/img/3.gif (http://stuttgarter-zeitung.de/page/detail.php/1805022) ). Als Antwort an den Brief an Oettinger bekam Kölbl lediglich das Angebot, seine Testfahrzeuge bei der Abgasprüfstelle des Tüv Süd in Böblingen vorzustellen. Dort könne man, unter neutraler Aufsicht, noch einmal gemeinsam nachmessen.
Der Rentner Widmann hat sein Problem, wie viele andere Betroffene auch, inzwischen mit einem Trick gelöst. Er ließ das Wohnmobil, samt eingetragenem Oxikat, von Kölbl in Passau zulassen. In Waiblingen meldete er das Fahrzeug später wieder um - und bekam, wenn auch zähnekirschend, schließlich doch die begehrte gelbe Plakette für die Umweltzonen. Für die Bürokraten bei Regierungen und Tüvs hat er seither nur noch Kopfschütteln übrig: "So ein Theater - unglaublich!"